Öffentlicher Dienst

Software wird nicht für den Menschen gemacht!

© JK_Studio / Pixabay
Illustration: Software erstellen
11.06.2024

Dieser Eindruck entsteht, wenn sich Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter und Personalräte an den Verhandlungstisch setzen, um über die Einführungsbedingungen neuer Verfahren zu verhandeln.

Viele laufende Verfahren stehen zur Ablösung an, weil Softwarehersteller die Pflege und Weiterentwicklung des Verfahrens einstellen. Aber zuweilen sind es auch nur Komponenten, die keine Updates erfahren, und dadurch die Ablösung erforderlich wird. Es gibt eben auch Beispiele, bei denen schlicht und ergreifend keine Menschen mehr da sind, die die alten Programmiersprachen beherrschen und dadurch eine Programmpflege nicht mehr möglich ist. Dies ist auch beim Baugenehmigungsverfahren der Fall.

Unter dem Dach des Programms Cupola wird die Software Oktagon in den Hamburger Baudienststellen eingeführt und an die Anforderungen der Hamburger Besonderheiten angepasst.

Betroffen sind die Bezirke und die BSW aber auch Dienststellen, die an Bauthemen zu beteiligen sind wie die Feuerwehr und das Amt für Arbeitsschutz. Das Verfahren BACom konnte/sollte nicht mehr weiterentwickelt werden. Also musste ein neues IT-Verwaltung her. Am besten etwas von der Stange. Ein Standardprodukt – denn Standard ist führend in dieser Stadt. Und bestimmt billiger!

Statt einer neuen IT-Erlebniswelt herrscht nun große Ernüchterung.

Es ist ein ewiges Déjà-vu. Es sind die Gewerkschaften, die darauf dringen, dass aus Lippenbekenntnissen hinsichtlich eines ergonomischen IT-Verfahrens zumindest Aktionspläne zur Erreichung einer Gebrauchstauglichkeit werden.

Hier half auch eine frühzeitige Einbindung der Gewerkschaften nichts. Denn letztendlich wollten sich die Programmverantwortlichen nicht auf Standards für den Pilotierungs- und Einführungsprozess festlegen lassen. Einwände von Anwenderinnen und Anwender fanden kaum Gehör. Künstlicher Zeitdruck ließ auch die letzten Hemmungen fallen. Mit dem Kostenargument konnte schließlich so manche Kritik unterdrückt werden.

Bis aus dem neuen Produkt vielleicht irgendwann einmal eine reife Frucht wird, müssen sich Beschäftigte Umwege/Work-Arounds teilweise unter Einbindung des eigentlich abzu- schaltenden Altverfahren schaffen, um ihr Ziel zu erreichen. Unter dem Strich brauchen die Kolleginnen und Kollegen mehr Zeit für einen Genehmigungsprozess.

Als Krönung kommt hinzu, dass für andere Teilbereiche, die nicht die Bauverwaltung direkt betreffen, in letzter Minute eine Kehrtwende vollzogen wird. Anstatt die Module, die in Oktagon kurz vor der Fertigstellung stehen, zu nutzen, soll nun nach einer preiswerteren Alternative gesucht werden. Viel Zeit und Energie der beteiligten Kolleginnen und Kollegen wird auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen. Für wasser- und naturschutzrechtliche Themen soll stattdessen ein neuer Weg gesucht werden.

Offensichtlich ist es wichtiger die Kosten für Rechenzentren, Administration und für die Pflege eines Programms niedrig zu halten als für ein vernünftiges Werkzeug zu sorgen, damit die Kolleginnen und Kollegen ihren Auftrag gegenüber den Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt erfüllen können

Eigentlich ist es nicht viel, was wir wollen:

  • Software muss den Ansprüchen der Softwareergonomie genügen, damit Arbeit nicht krank macht
  • Software muss barrierefrei sein, damit Kolleginnen und Kollegen auch mit Einschränkungen arbeiten können
  • Datenschutz gilt auch für Beschäftigte
  • Ein IT-Verfahren soll die Aufgabe unterstützen und nicht das Verhalten und die Leistung von Beschäftigten kontrollieren.

Die Politik in dieser Stadt setzt darauf, den Fachkräftemangel mit zusätzlicher Automatisierung von Arbeitsschritten und neuen Softwareprodukten zu begegnen. Aber jenseits von Lippenbekenntnissen muss sie auch etwas tun und notfalls Geld in die Hand nehmen. Wir brauchen Software mit der mensch arbeiten kann. Neue Programme dürfen das Arbeitsleben nicht erschweren. Sonst wird nur das Gegenteil erreicht.

Letztendlich lässt sich nur mit vernünftigen Arbeitsmitteln die Gesundheit der Beschäftigten erhalten. Schlechte Arbeitsmittel machen krank, führen zur Unzufriedenheit und steigern nicht die Attraktivität des Öffentlichen Dienstes Hamburg.